Frei von Zwang

Wie Menschen von dem Zwang frei werden können, perfekt funktionieren zu sollen

„Ich muss noch …“
Manche Menschen sehen das Leben nur als Pflicht. Geliebt und anerkannt sind sie nur, wenn sie viel leisten. So meinen sie. Und bleiben doch einsam und unzufrieden. Wie können sie von ihrem Zwang loskommen, funktionieren zu müssen?
Wer sich öfter dabei ertappt, wie er Sätze mit: „Ich muss noch …“ oder „Ich müsste eigentlich noch …“ beginnt, sollte hellhörig werden. So empfiehlt der Psychotherapeut Reinhold Ruthe. Wer so redet, offenbart einen heimlichen Zwang. Er fühlt sich ständig unter Druck, eigentlich noch dies oder jenes erledigen zu müssen, um den gestellten Anforderungen gerecht zu werden. Die Betreffenden laufen immer Erwartungen hinterher, die sie einfach als vorgegeben empfinden, bei denen ihnen keine Wahl bleibt, die zu erfüllen sie als seine selbstverständliche Lebensaufgabe angenommen haben. Solche Menschen, warnt Ruthe, wie sie sich gerade unter ernsthaften Christen viele finden, geraten in Gefahr, sich und andere ständig mehr zuzumuten und dabei aber immer unglücklicher und unzufriedener zu werden. Weil sie nie an ein befriedigendes Ende gelangen, werden sie zornig auf sich selber, ihr Schicksal und die Umwelt, geben sich aus ihrer niedergedrückten Stimmung heraus grantig und enttäuscht, obwohl sie eigentlich ganz anders sein wollen.
Was diese Menschen in die Falle des Perfektionismus geraten ließ, ist nämlich ihr Bedürfnis nach Liebe. „Das ist die Ursehnsucht eines jeden, dass er ganz um seiner selbst Willen geliebt wird!“ So betont der Theologe und Psychologe Andreas Reinold, der in Marienmünster eine “Praxis für christlich orientierte Psychotherapie“ betreibt. Viele Kinder verinnerlichen nun schon in ihren ersten Lebensjahren eine ganz andere Botschaft: Du bekommst Zuwendung, wenn du richtig funktionierst. Wenn du brav, still, fleißig, anständig, angepasst bist. Liebe ist nicht einfach da, du kannst sie allenfalls als Lohn für ständiges Bemühen erhoffen. Das Leben besteht aus Aufgaben. An erster Stelle rangiert die Pflicht, und wenn am Ende noch Liebe und Freude dazukommen, hast du Glück gehabt. Kleine Kinder schreien, wenn sie hungrig sind, sich allein fühlen, jemanden brauchen. Wenn Kinder nun merken, dass ihr Schreien keinen Sinn hat, statt besorgte vielleicht sogar wütende oder nervöse Reaktionen hervorruft, verstummen sie, wie Reinhold Ruthe erläutert. Solche Kinder werden ein Leben lang ihre Gefühle verbergen, über ihre inneren Wünsche schweigen und andere Strategien entwickeln, um ihr Liebesbedürfnis erfüllt zu erhalten. Sie wollen sich Liebe durch Leistung erkaufen. „Wenn ich alles recht mache, müssen die anderen mich doch mögen!“ So beschreibt Andreas Reinold den inneren Gedankengang der Perfektionisten. Und doch werden diese immer wieder erleben müssen, wie wenig ihr Bemühen gewürdigt wird, wie sie vereinsamen, statt Freunde zu gewinnen, weil ihre ewige innere Unzufriedenheit den anderen auf den Wecker geht.
Das Liebesloch in ihnen wird zum inneren Zwang, der sie antreibt, sich immer mehr Lasten aufzuladen; weil es aber durch Leistung nicht gefüllt werden kann, wird es immer größer. Solche Menschen hegen im Grunde ihres Herzens den Verdacht, sie seien gar nicht liebenswert, und trauen deshalb anderen gar nicht zu, sie einfach so zu mögen. Sie gehen mit den anderen irgendwie verkrampft um, können nie richtig locker sein, weil sie meinen, den anderen ihren persönlichen Wert erst unter Beweis stellen zu müssen. Sie halten sich gern unter Kontrolle, wie es überhaupt ihre größte Lebenssorge darstellt, die Kontrolle zu verlieren. Dann nämlich überschwemmt die destruktive Angst ihrer Kindheitstage, hilflos einer feindlichen Welt ausgesetzt zu sein, wieder ihre Seele; und diese Angst möglichst unten zu halten, haben sie sich fest als Lebensmotto vorgenommen. Wenn ich mich anstrenge, hat diese Angst keine Chance, sagen sie sich. Und verlieren dabei die Freude am Leben.
Wenn diese geplagten Menschen im Herzen fest glauben könnten, was sie als Christen schon so oft hörten, wären sie geheilt. Davon zeigt sich Andreas Reinold überzeugt und benennt als Ziel seiner Therapie, dass sich seinen Klienten bis in die tiefsten Regionen ihres Leibes hinein festsetzt: Gott liebt mich um einer selbst willen! Zu Reinold kommen Priester und Ordensfrauen, Leute aus dem kirchlichen Dienst. Und diese darf er auch aus ihrem Glauben heraus ansprechen. Der Drang zum Perfektionismus läuft im Kopf ab, so versichert er. Die Gefühle bleiben abgeschnitten; auch weil sie in der Vergangenheit als so verletzend empfunden wurden. Wer aber im Gespräch mit dem Therapeuten wahrnehmen kann, wie sehr noch diese alten Ängste und Vermeidungsmuster das gegenwärtige Leben und Beziehungsverhalten bestimmen, kann sich vom Früheren distanzieren. Und zwar ohne, dass es immer wieder aufgewärmt werden muss. Seine Therapie krame nicht in der Vergangenheit herum, betont Reinold. Er schaut mit seinen Klienten auf deren gegenwärtige Beziehungen, ob zum Partner, dem Chef oder Kolleginnen. Denn stets wirken dort Vater- und Mutterkonflikte aus der Kindheit nach. Dabei lenkt der Therapeut den Blick auf die Gegenwart. „Ich übe mit den Klienten ein, die Welt und die Menschen vorurteilsfrei anzuschauen.“ Wer glauben kann, dass Gott jetzt, in dieser Situation, wie sie ist, auf ihn zukommt, der ist zugleich mit seiner Vergangenheit ausgesöhnt. Sein Therapieweg, so Reinold, geht davon aus, den Blick ins Jetzt zu heilen, an die Gegenwärtigkeit Gottes im Hier und Jetzt zu glauben, wie Reinold im Anklang an Meister Eckhart formuliert. Wer nämlich einübt, die Gegenwart aus Gottes Hand anzunehmen, muss sich ihr gegenüber nicht ängstlich kontrollierend verhalten, nicht abwehrend und widerständig. Auch Reinhold Ruthe formuliert es in seinem Buch über „Die Perfektionismus-Falle“ ähnlich: Wenn ein Perfektionist fest glauben kann, dass die Barmherzigkeit Gottes auch ihn ganz umfängt, ist er geheilt. Richard Schleyer
Buchtipp
Reinhold Ruthe, Die Perfektionismus-Falle – und wie sie ihr entkommen können, 157 Seiten, 9,90 Euro, ISBN 978-3-87067-968-2, Brendow-Verlag, Moers.
Dr. Reinhold Ruthe lebt in Wuppertal und ist Begründer des evangelischen „Instituts für therapeutische Seelsorge“ (ITS).

Hinweis
Andreas Reinold ist in seiner „Praxis für christlich orientierte Psychotherapie“ erreichbar unter der Telefonnummer 05276/985534, e-mail: Andreas.Reinold@t-online.de
www.christlich-orientierte-psychotherapie.info

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