Angst ist heilbar

Ein Gespräch mit dem Gesprächstherapeuten Andreas Reinold aus Marienmünster

Jeder siebte Deutsche leidet unter Angstzuständen. Aber die Angst vor der Angst ist heilbar, so versichert der Therapeut und Theologe Andreas Reinold.

Es gibt die harmlosen Formen der Platzangst. Vielen ist es unangenehm, allein einen dunklen Kelleraum aufzusuchen. Nicht jeder erforscht gerne enge unterirdische Höhlen. Und wenn bei einer Bergwerksbesichtigung sich eine große Gruppe Menschen durch lange, nur notdürftig beleuchtete Gänge schiebt, sind viele froh, wenn sie wieder das Tageslicht erblicken. Und die Fahrt mit dem überfüllten Aufzug den Schacht in die Höhe kann dann zum Alpraum werden.
Das sind dann Momente, in denen sogenannte Panikattacken auftreten können. Obwohl die Situation objektiv eigentlich harmlos ist, ergreift die Betreffenden ein Zustand existentieller Angst. Sie fühlen sich völlig hilflos „Wenn jetzt etwas passiert. Da komme ich nie wieder raus!“ Solche Gedanken schießen dann durch den Kopf, wie der Psychologe Andreas Reinold erläutert. Und körperliche Angstreaktionen setzen ein: das Herz klopft, der Puls rast, der Atem wird flach und schnell, die Muskeln spannen sich an, Schweiß bricht aus. Der ganze Mensch gerät in Alarmstimmung.
Dieses Reaktionsmuster sind stammesgeschichtlich vorgegeben. So erklärt Reinold in unserem Gespräch über psychische Angst-Störungen. Unsere Vorfahren lebten in einer gefährlichen Umwelt. Nicht selten konnten sie sich einem gefährlichen Tier Aug in Aug gegenüber finden. Da musste der Körper blitzschnell seine Kampfeskräfte mobilisieren. Oder alle Energie zur raschen Flucht. Das im Hirn ausgelöste Angstgefühl ließ den Körper die Ressourcen bereitstellen, um auf lebensbedrohliche Situationen reagieren zu können.
Nun begegnen uns im Alltag wohl kaum mehr Säbelzahntiger. Aber oft genug Situationen, die uns im Innersten erschrecken, unseren Selbstwert in Frage stellen, in denen wir uns hilflos, existentiell abhängig und bedroht fühlen. Unsere körperliche Reaktion bleibt immer dieselbe: Angstschweiß, Herzklopfen, beschleunigterAtem. Rationales Denken wird ausgeschaltet. Kämpfe oder lauf weg; nur diese beiden Möglichkeiten erkennt unser Verstand noch. Die einen poltern dann aggressiv los, was ihnen später oft leid tut; die anderen sagen gar nichts, machen sich unsichtbar und ärgern sich hinterher, dass sie sich nicht wehren konnten.

Doch Menschen sind lernfähig, so versichert Reinold, der in seiner psychotherapeutischen Praxis viel mit depressiven und angstbesetzten Patienten zu tun hat. Menschen können einüben, ihr Verhaltenrepertoire zu erweitern. Sie können sich Techniken aneignen, die ihnen helfen, nicht gleich den Kopf zu verlieren.
Angst-Störungen entstehen, wenn sich im Gehirn abgespeicherte Angstmuster lösen, unabhängig vom eigentlich angstauslösenden Moment. Im Gehirn werden nämlich mit dem aufgetretenen Angstgefühl auch damit verbundenen Begleitumstände abgespeichert. Reinold verdeutlicht dies am Beispiel von Tsunami-traumatisierten Personen. Deren bei der großen Überschwemmung erlebten Todesängste treten bei manchen sofort wieder auf, wenn sie nur das Rauschen des Wassers aus einem Wasserhahn vernehmen.
Vielen macht dann schon die Angst vor der Angst zu schaffen. Wenn sie nur an einen dunklen Raum denken oder dass der Aufzug überfüllt sein könnte, erfassen sie schon die Angstzustände. Schon wenn sie fürchten, dass sie jetzt, in diesem unpassenden Moment, in Atemnot geraten könnten, stellt sich diese unwillkürlich ein.
Ziel einer Therapie muss sein, die im Kopf abgespeicherten Angstsituationen und die Panikgefühle zu entkoppeln. Andreas Reinold erzählt dies am Beispiel seiner vier Kinder. Für die hat er vor dem Haus eine Schaukel aufgestellt. Da passiert es eben, dass jedes der Kinder zu Beginn der Schaukelversuche mal runterfälltund sich weh tut. Eine natürliche Reaktion wäre, wenn ein Kind danach die Schaukel meidet. Auf keinen Fall aber sollten die Eltern solches Vermeidungsverhalten unterstützen. Vielmehr sollten sie das Kind sofort wieder auf die Schaukel setzen. Dann nur lernt es, richtig zu schaukeln. Und die damit verbundene Panik ist überwunden. Bleibt das Kind aber künftig der Schaukel fern, setzt sich das mit dem Schaukeln verbundene Panikgefühl fest. Das Kind wird immer ängstlicher, vermeidet immer mehr, beschneidet sich selber in seinen Spiel- und Entwicklungsmöglichkeiten.
Durch Vermeidungsverhalten kommt die Angstspirale erst in Gang, so warnt Reinold. Es fängt damit an, dunkle Keller und enge Räume zu meiden. Dann dehnt sich die Angst auf Aufzüge und überfüllte öffentliche Räume und Plätze aus. Die Angst, vor anderen die Kontrolle über die Angst zu verlieren, führt schließlich dazu, sich ganz zurückzuziehen, jede Art von Parties und Festen zu meiden.
Die Angst vor der Angst beschneidet die Lebensmöglichkeiten immer mehr. Da hat sich eine Frau durch einen unfreundlichen Kollegen verunsichern lassen. Sie geht ihm aus dem Weg, meidet Orte, an denen sie ihm privat begegnen könnte. Schließlich sucht sie schon jede Möglichkeit auszuschließen, wo sie nur an jenen unliebsamen Kollegen erinnert wird – schließt sich damit aber selber aus vielen Beziehungen aus.
Angstbesetzte Menschen neigen dazu, sich ihre Angst, die sie auslösenden Personen und Situationen immer wieder vor Augen zu führen. Immer wieder kehren ihre Gedanken zu ihrer Angst zurück. Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden, betont Reinold. Im menschlichen Gedächtnis werden normalerweise negative Erfahrungen stärker erinnert. Die Erinnerung lässt sich aber dahin trainieren, der Angst positive Inhalte entgegenzusetzen. Bloße Ablenkung heilt die Angst auf Dauer nicht. Aber ein positives Lebensgefühl kann eingeübt werden. Reinold empfiehlt seinen Patienten etwa, sich eine Sammlung von Musikstücken zuzulegen, die für sie mit dem Gefühl von Freude und positiver Lebenseinstellung verbunden sind. Und diese dann anzuhören, wenn sie der negative Gedankenkreislauf zu überschwemmen droht. Auch hilft es, bewusst positive Erinnerungen zu suchen und festzuhalten, die mit Glückserlebnissen verbunden sind. Psychologen können sogar Techniken vermitteln, durch die solche positiven Erinnerungen jederzeit abgerufen werden können. Dies funktioniert deshalb, versichert Reinold, weil unser Gedächtnis symbolhaft funktioniert, geistige Inhalte mit körperlichen Funktionen gekoppelt sind. Wer zum Beispiel die Erinnerung an ein freudiges Ereignis zusammen mit einer bestimmten rituellen Handbewegung bewusst abspeichert, kann diese auch wieder abrufen. Der Betreffende wird so freier, nicht angstbesetzt, sondern angemessen reagieren zu können. Für gläubige Patienten hält Reinold noch eine besondere Anti-Angst-Übung bereit. Er gibt ihnen eine Liste mit ermutigenden Sätzen aus der Bibel mit, die sie sich am Abend vor dem Einschlafen und dann bei Angstanfallen laut vorsprechen sollen. Das negative, auf die eigenen Defizite ausgerichtete Lebensgefühl soll positiv gewendet werden, auf die eigenen Stärken hin. Wer mit Hilfe seines Therapeuten den negativen Glaubenssatz entdeckt hat, der sein Leben prägt, kann einen positiven dagegen setzen. Und wird innerlich verwandelt, wenn er sich den oft genug einprägt. Davon ist Andreas Reinold überzeugt.

Andreas Reinold praktiziert als Gesprächstherapeut mit christlichem Hintergrund in Paderborn und Marienmünster. Sein Schwerpunkt liegt auf der Behandlung von Depressionen. Telefonisch erreichbar ist er unter 05276/985534 oder 0160/96846065.

Buchtipps:

Stefan Leidig / Ingrid Glomp: Nur keine Panik! Ängste verstehen und überwinden, 183 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-466-30614-5, Kösel-Verlag, München.
Sr. Cornelia Dehner-Rau, Prof. Dr. Harald Rau: Ängste verstehen und hinter sich lassen, 152 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-8304-3337-8, TRIAS Verlag, Stuttgart.
Ines von Witzleben, Aljoscha Schwarz: Endlich frei von Angst. Denkmuster erkennen. Aktiv trainieren. Selbstvertrauen gewinnen, 160 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-7742-6636-0, Verlag Gräfe und Unzer, München.

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